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Demokratie-Revolution

Von Köllnflocken und Selbstwirksamkeit

In den letzten Monaten häufen sich Berichte und Einschätzungen, die von einem Umschwung des Vertrauens der Menschen weg von Institutionen/Politik hin zur Wirtschaft sprechen (BrandTrust, Handelsblatt,…). Es wird ein nicht mehr ganz taufrischer Zusammenhang von Unternehmen und deren Marken mit allgemeinen Wertebeiträgen hervorgeholt. Sinnstiftung, Orientierung und Stabilität gelten als entscheidende Merkmale. Irgendwelchen Statistiken zufolge scheinen sich viele Menschen im Umfeld von Wirtschaftsunternehmen wohler zu fühlen als in der Politik. Köllnflocken, Persil und Tempo-Taschentücher wirken also verlässlicher und sicherer als die aktuelle Polit-Praxis.

Ist dem so und wenn ja, warum?

Die Psychologin Cornelia Betsch von der Universität Erfurt hat erhoben, dass sich 75 bis 80 Prozent der Menschen in Bezug auf die Corona-Pandemie eine langfristige Lösungsstrategie mit möglichst einheitlichen Regeln wünschen (zeit.de, 07.02.2021). Das ist nachvollziehbar, denn eine aktuelle und plausible Politik-Strategie ist hier an vielen Stellen mittlerweile nicht mehr wirklich erkennbar. Ministerpräsidenten scheinen sich aus machtpolitischen Abwägungen (es stehen ja reichlich Wahlen an) mit immer neuen und rein auf die jeweilige Landesebene bezogenen Regeln lieber auf ihre föderalen Rechte zu fokussieren. Kompromisse im Sinne einer einheitlichen, zügigen oder gar logischen Vorgehensweisen scheinen nicht erstrebenswert zu sein. Zu viele politische Entscheidungsträger und deren Administrationen zeichnen sich eher durch eine schmerzhafte Trägheit aus. Und viel schlimmer: wirksamer und anhaltender Lobby-Einfluss schleicht sich wahrnehmbar immer weiter ein. Gepaart mit viel Palaver und Selbstdarstellung führt dies bei vielen Menschen eher zu Verunsicherung, Gleichgültigkeit und erschöpft sie gleichermaßen.

Die Selbstwirksamkeit der Menschen in dieser Pandemie scheint verloren zu gehen, und das in einer Zeit, in der wir alle einen langen und harten Weg gehen müssen, für den wir viel Kraft und Hoffnung auf ein gesundes Durchstehen benötigen.

Viele Unternehmen hingegen zeichnen sich durch eine zügige, geradlinige und transparente Umsetzung von Corona-Schutzmaßnahmen aus. Es geht ihnen um den Schutz der Mitarbeiter (auch wenn wirtschaftliche Prosperität der zentrale Treiber ihres Handelns bleibt). Wenn sie dann noch mit einer Marke aufwarten können, die mit Werten wie Qualität, Langlebigkeit und Nachhaltigkeit loyal überzeugen kann, liegt es auf der Hand: hier fühlt sich Mensch wohl.

Und was heißt das jetzt?

Dass es nicht fair ist, ein Unternehmen mit dem Regieren eine Landes mit 80 Mio. Einwohnern zu vergleichen, liegt auf der Hand. Politik muss sich ungleich vielfältigeren Problemen, Themen und Meinungen stellen. Hier kann rein praktisch gar nicht so präzise, kurzfristig und nachvollziehbar gehandelt werden. Andersherum kann ein Staat auf erheblich mehr Ressourcen und Möglichkeiten zurückgreifen, als ein Unternehmen. Dass Politik für ALLE Menschen gedacht und kein Unternehmen mit Partikularinteressen ist, darf dabei zudem niemals vergessen werden.

An einigen Stellen kann Politik dennoch tatsächlich von Unternehmen lernen. Denn vorhandene Stringenz, Rückgrat und Offenheit dürfen gerne kopiert werden.

Die Frage bleibt aber: warum fühle ich mich mit meinem Tesa-Film sicherer als bei der nächsten politischen Corona-Krisenrunde?

Christian Schwakenberg

3P – Partei für politische Partizipation, für Allianz Vielfalt

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